oder: Ein Zug voller Gedanken!
Sinnieren wir ein wenig und folgen einer Geschichte, wie sie sich jederzeit zutragen kann.
Es ist der Mittag an Heiligabend, man steht am Bahnhof und hat eine gewisse Vorfreude auf eine gemütliche, weihnachtliche Zugfahrt. Man hat Tee dabei, einen Lebkuchenmann, Plätzchen und ein gutes Buch. Zum ersten Mal hat man keine Platzreservierung und denkt sich schon am Bahnsteig, wo die ganzen Menschen hin wollen. Man entfernt sich von den Massen, in der Hoffnung, dass man in der Ferne einer der Ersten sein wird, die einen freien Platz sichten und diesen für die Fahrt sein Eigen nennen kann. Und tatsächlich, der Plan geht auf, im vorletzten Wagon ist ein ganzer vierer Tisch frei, man verstaut die Sachen, macht es sich bequem, es kommt eine zweite Person und lässt sich auf den beiden Sitzen gegenüber nieder UND DANN sieht man ES nahen und man weiß genau, das wird nicht gut werden. Man sieht den „Kik-Wühltisch-Style, man sieht, dass die Dusche heute Morgen aus geblieben ist, man sieht die verpeilte Art und das unbeholfene, weltfremde Auftreten. Und in der Tat, sie stoppt vor dem noch freien Platz und versucht sich häuslich einzurichten, drängt sich auf und will an den freien Fensterplatz, was nichts Gutes bedeuten kann. Man steht auf, um sie durch zu lassen, dabei tritt sie, scheinbar mit Schwung und Freude vor die Tüte, die groß genug ist um nicht übersehen zu werden und Weihnachtsgeschenke und andere Dinge enthält. Nun gut, die Fahrt geht los. Die Freude, obgleich ein wenig getrübt, macht sich wieder breit und die Gemütlichkeit beginnt ihren Einzug zu halten. Da bewegt sie sich und man bemerkt es, zum ersten Mal, dieser Duft. Nein, Duft wäre ein völlig unpassendes Wort. Gestank ist weitaus treffender. Der Geruch, den diese triste Person umgibt, passt zu dem unheilvollen Erscheinungsbild und eigentlich hätte man es schon beim ersten Blick wissen müssen. Aber man denkt in einer gewissen Vorfreude nicht über jegliche Eventualität nach. In diesem Moment war man noch nie so froh einen Schal zu tragen, der einen Hauch des Parfüms abbekommen hat, welches man daheim aufgelegt hat. Man rutscht – nennen wir es Selbsterhaltungsdrang – automatisch mit der Nase etwas tiefer und versucht so viel von Christian Dior einzuatmen wie es nur möglich ist. Dieser Duft, mit dem man angenehme Assoziationen verbindet. Wie ist es möglich, dass eine Dame – die sie offensichtlich nicht ist – sich so gehen lassen kann, nicht einmal zum Weihnachtsfest den Schritt unter die Dusche wagt. Ist es nicht der Tag, an dem alle waschfaulen Menschen sich reinigen? So sagt man doch… an Weihnachten in die Badewanne!?
Nun könnte man in Erwägung ziehen einen neuen Platz zu suchen, die riskante Reise auf sich nehmen und dann doch vom Regen in die Traufe kommen, denn wer weiß schon wie es woanders sein wird? Außerdem ist nicht alles schlecht an diesem Platz, der einem einst so geeignet vorkam, denn schwenkt man die Augen ein wenig nach rechts, hat man einen herrlichen Ausblick, welcher jegliche Geruchsbelästigung vergessen lässt.
Lässt man seine Blicke dahin schweifen, so sieht man kurze, braune Haare, Augen in denen man sich verlieren möchte, eine Haut, leicht gebräunt und so weich, wie man sie nur bei Babys vermuten möchte. Lippen.. so sinnlich, dass man seine darauf betten möchte und nie wieder davon los lassen könnte. Eine süße Nase, die die Perfektion des makellosen Gesichtes unterstreicht. Das Lächeln ist einfach umwerfend und die braunen Augen… Der Körper scheinbar überirdisch. Jede Kleinigkeit unterstreicht das tadellose Aussehen. Die Augenbrauen, die Finger, die leichte Röte auf den Wangen, die Venen die sich auf den Armen leicht abzeichnen und diese Augen…
Es ist sicher verständlich, wenn man sich wünscht, einmal die Zeit anhalten zu können, dieses Antlitz festhalten zu können. Auf einem Foto ablichten oder für immer in Gedanken zu bewahren. Wie in Träumen ist es hier gleichermaßen, man sinniert vor sich hin, verfällt in Tagträumerei und statt des geifernden Weckers dringt die grelle Stimme des Zugbegleiters durch die Lautsprecher und verkündet in einem gleichgültigem Ton, dass man sein Reiseziel in wenigen Minuten erreicht hat und dass sich die Deutsche Bahn für die Reise bedankt. Und da ist er wieder, der brennende Mief von links und man weiß plötzlich wieder wo man sich als letztes verloren hat. Erinnert sich an den Duft aus dem Schal, den man so gleich wieder sucht, man schaut ein letztes Mal nach rechts und weiß nicht genau, weshalb die Reise jetzt hier enden soll, weshalb man aussteigen sollte, scheint doch der Grund belanglos. Und doch ist man froh der Belästigung von Frau X. zu entkommen. Himmel und Hölle, Abscheu und Entzücken. Ja, eine Zugfahrt die ist lustig.
The Last Rabbit!